Haus-Heim-Hof

Praktisches Kochbuch für die Deutschen in Amerika – 1879

Ich bin Christine ……,  lebe in SH, ganz nah dran an MV, und ich möchte bei Euch mitmachen.
Unmittelbar vor den Osterfeiertagen 2020 behielt ich von meiner Kusine aus Wisconsin (USA) ein Kochbuch aus dem Familienbesitz meines Onkels zugeschickt. Auf der Innenseite ist in altdeutscher Handschrift der vollständige Name meiner Großmutter eingetragen, die meinen ostpreussischen Großvater 1923 in den USA geheiratet und mit ihm 1925 nach Deutschland zurückkehrte, um einen landwirtschaftlichen Betrieb zu erwerben.

Das Kochbuch basiert auf dem von Henriette Davidis verfassten und 1862 von Velhagen und Klasing, Bielefeld in 9. Auflage erschienen Werks: Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche – Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte zur Bereitung der verschiedenartigsten Speisen, kalter und warmer Getränke, zum Einmachen und Trocknen von Früchten.
Diese Ausgabe wurde von J. Hedwig Voß aus Chicago für den amerikanischen Vertrieb überarbeitet und vom 1870 durch US-Act autorisierten Verlag Georg Brumber, Milwaukee, Wisconsin im Jahr 1879 unter dem neuen Titel Praktisches Kochbuch für die Deutschen in Amerika – zuverlässige und selbstgeprüfte Anweisungen zur Bereitung der verschiedenartigsten Speisen, kalter und Getränke, zum Backen, Einmachen usw. vermarktet.
Diese erste Ausgabe wurde ohne konkrete Angabe des Druckjahres herausgegeben.
20 Jahre später, im Jahr 1899, folgte noch eine 2. Auflage mit entsprechend angepasstem Vorwort.
Weitere Auflagen des Herausgebers konnte ich nicht nachweisen.

Herr Ferry Stalter, Berlin schreibt über dieses ungewöhnliche Kochbuch mit deutlicher Sachkenntnis:
“Dieses Buch, das zwar in den USA, aber in Frakturschrift gedruckt ist, ist durch seine alterthümliche deutsche Sprache, durchsetzt mit Amerikanisierungen, und seine oft etwas unbeholfene Ausdrucksweise ein wahres Lesevergnügen.
Beispiel: Häringssalat. Von 12 Stück guten Häringen kann eine Schüssel für 24 Personen gemacht werden. Diese werden ausgenommen, gewaschen und eine Nacht, wo nöthig noch länger, am besten in Milch, in Ermangelung in Wasser gelegt, während letzteres einmal gewechselt wird.
Ob die 24 angenommenen Personen auch so viel Freude an dem Häringssalat hatten?
Nein, dies ist nicht nur ein Kochbuch, sondern ein Stück Sprach- und Kulturgeschichte deutscher Auswanderer, die sich aus verschiedensten Regionen in der Fremde zusammengefunden haben.
Wie selbstverständlich stehen westfälisches Blindhuhn, mecklenburgische Knackwurst, ostfriesische Reisbirnen, pommersche Spickgänse, schlesische Selleriesuppe, sächsischer Speckkuchen und Königsberger Marzipan gemeinsam neben Lemon Pie, Catfish und Turkey.
Hier können wir über die angegebenen Maße und Mengen staunen und auch darüber, wie und was damals verarbeitet wurde (z.B. Suppe von marinirtem Schildkrötenfleisch, Salmi von Krammetsvögeln, Fischotter in feinen Kräutern).
Wir lernen alles über die Verwendung von Fetten, die Conservirung von Speisevorräthen in der Prä-Kühlschrank-Ära, die Eigenherstellung von Würsten und die sparsame Wiederverwertung jeglicher Reste.
Wir lesen nicht nur, wie die tüchtigen Auswandererfrauen Pudding ohne Dr.Oetker und Ice-Cream ohne Tiefkühltruhe hinbekamen, sondern wir nehmen auch als heimliche Beobachter an Kaffee- und Theegesellschaften um 1870 teil und erfahren, wer warum wohin placiert werden muss und wie oft man dankend abgelehnten Thee anbieten muss, um nicht als unhöfliche Gastgeberin zu gelten. Es ist, als käme Scarlett OHara jeden Moment zur Tür rein. Im Buch ist ein sehr brauchbares, ausführliches Inhaltsverzeichniß zum Aufsuchen der Haupt-Abtheilungen dieses Buches, in dem wir wehmütig zur Kenntnis nehmen können, dass es unter der Rubrik Speisezettel für Kranke aller Art neben den Anweisungen für Pockenkranke auch ein Kapitel für Magere gibt.
Wirklich, dieses außergewöhnliche Werk ist ein Schatz für jede Kochbuchsammlung.

Dieses Buch hat eine lange Geschichte, es ist in seinen 140 Jahren sehr weit gereist, es wurde sichtlich viel benutzt und gelesen.

Der Bestseller des 19. Jahrhunderts in einer Überarbeitung für die Deutschen in Amerika. Die Kochbuchautorin J. Hedwig Voss in Chicago hat die deutschen Rezepte für die Amerika-Deutschen mit lokalen Produkten überarbeitet.

Eine bessere, zutreffendere Beschreibung dieses außergewöhnlichen Kochbuchs ist für mich kaum vorstellbar.
So viel von unserem “Familienschatz”. Eigentlich war das Familien-Kochbuch nicht für mich vorgesehen, aus Zufall kam es zu mir. Meine Familie ist jedoch damit einverstanden, dass nun ich das Kochbuch behalten darf, es auch erhalte und später an meine Kinder weitergebe. Ich musste allerdings versprechen, dass ich all meinen Cousins und Kusinen als fairen Ausgleich eine digitale oder gedruckte, nachgekaufte Ausgabe des Familien-Kochbuchs beschaffe. Auch meinen Cousins und meiner Kusine in den USA.
Ich finde, das ist ok. Allerdings habe ich jetzt insgesamt 9 Exemplare zu beschaffen. Wir sind nämlich 10 Cousins und Kusinen, das läppert sich. Mein ältester Cousin, dem das Buch eigentlich zugesagt und zugeschickt werden sollte, lässt für uns 9 einen Auszug aus dem alten Familienstammbuch beglaubigen: “Die US-Hochzeitsurkunde von 1923”. Damit hat jedes Familienmitglied ein Exemplar mit einem Bezug und alles ist  logisch miteinander belegt und verbunden. 

Ich habe Concierge und Eugenie versprochen, dass ich mich fortan mit Beiträgen am Konzept des Blogs beteilige.
Ich kennzeichne meine Beiträge zukünftig mit dem Kürzel „CT“. Mein „Logo“ hat sich Eugenie für mich ausgedacht.

Ihr lest von mir in Kürze
Eure Christine (“CT”)

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Titelbild: MORGUEFILE.com_file3111270223586-mikeatnip

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