Haus-Heim-Hof

Küche im Königreich Hannover -1843

Ich mache mit ! 
Da habe ich vor etlichen Monaten im typisch unsortierten Krimskrams unserer Familie auf dem Dachboden vollkommen unvorbereitet einen echten Küchenschinken gefunden. Hat inzwischen zirka 180 Jahr auf dem Rücken und ist trotz seines Alters ganz erstaunlich beieinander.
Niemand hatte noch eine Erinnerung an seine Existenz.
Fachkundige und Entrümpler bezeichnen so etwas ja gern als “Kellerfund” oder “Scheunenfund”.
Soll so einen Gegenstand wohl noch echter und dadurch wertvoller machen.
Ich habe mich sehr gefreut. Natürlich musste ich das Buch auf der Stelle ganz sachte aufgeschlagen, sofort hineinschauen und vorsichtig darin blättern.
Irgendwie hatte das etwas Besonderes. Etwas Andächtiges.
Ich kann euch das Gefühl nicht treffender beschreiben.  
Empfinden Sammler so?
Werft ebenfalls einen allerersten Blick darauf :


Ein Kochbuch über die Hannöversche Küche von 1843 für Hausfrauen und Köchinnen.
Das Büchlein ist 546 Seiten schwer, wenig benutzt und beinhaltet 1105 Rezepte in 14 Abtheilungen.
Vom Einmachen des Obstes und der Gartengewächse handelt die 15. Abtheilung.
16. Abtheilung enthält Anleithung vom Einkaufe der Speisen und Küchenbedürfnisse, nebst genauer Angabe ihrer Güte oder Untauglichkeit, so wie der Jahreszeit, in welcher sie am besten zu benutzen sind.
17. Abtheilung gibt Tipps von der Wahl der Speisen und der Schicklichkeit des Vorlegens.
18. Abtheilung handelt von der Anordnung einer Tafel und dem Tranchiren.
Die 19. Abtheilung vermittelt eine Beurtheilung gewöhnlicher Nahrungsmittel (bedenke das Jahr 1843), auf medizinischer Untersuchung eines erfahrenen Arztes gegründet.
Abtheilung 20 handelt von Krankenspeisen.
Last not least enthüllt die 21. Abtheilung wichtige und erprobte Küchen- und Wirthschaftsgeheimnisse.

Insgesamt hat die Autorin im Jahr 1843 in ihrem Hännöverschen Kochbuch unglaubliche 1293 Artikel veröffentlicht.
Seid ihr nicht auch der Meinung, dass ein so altes, durch wahrhaftig irre  Zeiten gerettetes Nachschlagewerk, das im 19. Jahrhundert womöglich im  bürgerlichen Haushalt einen festen Platz hatte, etwas ganz Außergewöhnliches ist?
Ich habe danach auch schon gegoogelt, aber ich finde nichts.
Würde zu gerne erfahren, wer die anonymisierte Verfasserin dieses Alltagsbegleiters im hannöverschen Hausbetrieb sein könnte.

Ich werde garantiert noch lange, ausführlich darin herumschmökern und darüber auch gern berichten.
Fragen dazu könnt ihr mir über den KONTAKT des Blogs stellen.

Merke: Fotos gab es bekanntlich noch nicht, auf erhellende Zeichnungen hat die anonyme Verfasserin komplett verzichtet. Im Kochbuch wird von ihr alles reineweg schriftlich abgehandelt. 
1843 wussten die untherthänigen Hausfrauen und alleruntherthänigsten Köchinnen im Reich Ihrer Durchlaucht König Ernst August zu Hannover dank dieses und anderer Bücher offenbar in jeder Situation, wo ihr Platz im Hause war und was sie dort gefälligst zu thun und zu untherlassen hatten.

Kein Auto, kein Flugzeug, keine Eisenbahn, kein Radio, kein Telefon, kein Handy, kein Kühlschrank, keine Tiefkühltruhe, keine sekundengenaue Eieruhr, kein Umluftherd, kein Wasserklosett, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, keine Klärwerke, kein Strom, keine Batterien und kein elektrisches Licht.
Kein Plastik im Essen, kein Klimawandel, ruhig war es allerorten, keine Kranken- noch Rentenversicherung, keinen bezahlten Jahresurlaub, keine Lohnfortzahlung und der Arzt war nie zu erreichen oder viel zu teuer. An einen festen Monatslohn hätte nicht einmal jemand auch nur geträumt und was ein Bankkonto ist wäre nicht erklärbar gewesen.
Es gab sehr viel “kein”, aber davon jede Menge.
Wer besaß eigentlich eine Uhr und wer sagte, ob diese richtig ging?
Wie hat das alles bloß funktioniert?
Ein Leben ohne aufdringliches Pinterest, lärmenden Thermomix und ätzend unnatürliche TV-Kochshows.
Hatte das etwas vom Paradies? Kann das sein?

Müssten wir zurück ins “Damals”, würden von Demokratie, Gewerkschaften, Frauenrechten, Wahlrecht vor uns herschwatzen, wir würden zumindest für verrückt erklärt werden oder schlimmstenfalls  weggeschlossen im Kerker enden und dort ein kurzes Restleben fristen.

Was war an den Hausfrauen und Köchinnen damals eigentlich anders?
Eure “Simone”

Nachtrag Concierge:
Verfasserin dieses Hannöverschen Kochbuchs ist Amalie Sieveking.
Hier klicken u.Wikipedia informiert Euch. 
Das Buch erschien unter dem Pseudonym Amalie S…g. 
Es gibt ganz offensichtlich nur eine (einzige) Auflage.
Das Buch erschien allerdings – inhaltlich vollkommen gleich – auch unter den Titeln “Die Hamburger Küche“, “Die Mecklenburger Küche“, “Die Holsteinische Küche“. Die im Handel vorhandenen Bücher werden als Erstausgabe angesehen. Antiquarischer Buchwert aktuell ca. 250 € bis 300 €
log.A3F8D432

2 KommentareSchreiben Sie Ihre Meinung

    • Dies alte Kochbuch ist ein echter Familienschatz und – “so die Saga” – wurde bislang dem erstgeborenen Kind bei Hochzeit mitgegeben. In unserem Fall war es von meiner Schwiegermutter vor Jahrzehnten einer ihrer Schwägerinnen geliehen worden und ist vor kurzem von deren Tochter zurückgegeben worden. Wir wussten nicht einmal, dass so ein Buch überhaupt existiert. Im Buch lag aber ein kleiner Zettel, mit dem Buchrücken durch einen festen Zwirn verbunden. Er diente als Lesezeichen. Auf diesem echt speckigen “Lesezeichen” stand mit Kopierstift, inzwischen durch Fett in leicht bläulichem Farbton, geschrieben: “Dieses Buch gehört …….. !” So kam es zurück zu uns.

Schreiben Sie bitte Ihre Meinung hierzu

Your email address will not be published. Required fields are marked *