Haus-Heim-Hof

Unsere Wespen waren sehr kollegial zu uns!

Gitti Bis Anfang des Jahres hatte ich grundsätzlich etwas gegen diese nervig selbstbewussten, teils aggressiven, gelb-schwarz gestreiften Flugkünstler. Wann immer eine Wespe auf der Terrasse am Frühstücks- oder Kaffeetisch auftauchte – und das ging fix und wie auf Bestellung – nahm ich gewöhnlich ein Tuch und verscheuchte sie.
Hin und wieder fegte ich dabei auch schon mal ein Stück Kuchen, eine Scheibe Brot oder gar eine Tasse vom Tisch.
Das gab mir dann weitere Motivation, dass diese Plagegeister bei uns im Garten aber rein gar nichts zu suchen haben.

Doch das Schicksal meinte es anders.

Mein Mann stellte zwischen uns und der  Wäsche- und Gartengeräteabstellecke eines unserer angrenzenden Nachbarn einen neuen, blickdichten Gartenzaun auf. Bei der Montage näherte er sich schließlich dem Ende des neuen Zaunes an unserem überdachten und an 3 Seiten geschlossenen Fahrradunterstand mit Flachdach.

Als er die letzten senkrechten Bretter anschraubte wurde er urplötzlich von Wespen umringt. Er schätzt es waren Zigtausende. Erschrocken ließ er fallen was er in den Händen hatte, fuchtelte schnell und wild herum und ….. natürlich wurde er mehrfach gestochen. Jedes Kind weiß aus dem Munde der Erwachsenen, dass man nicht nach Wespen schlagen soll. Schon gar nicht, wenn diese klar und eindeutig in der Überzahl sind.

Wo kamen diese zig Wespen bloß her?
Wir wurden auf unserer Terrasse bislang von höchstens einem Dutzend auf einmal besucht. Nun tauchten gleich so viele mehr auf und dann schienen sie so angriffslustig zu sein.

Des Rätsels Lösung war bald gefunden. Im Fahradunterstand hing unter der Decke ein seinerzeit nur 2 Fäuste großes, halbrundes, graues Wespennest, an dem die dort wohnenden Flieger emsig bastelten. Es wurde später insgesamt 3x so groß.

Meine erste Reaktion: Nee, das geht ja gar nicht!
Mein Mann, obwohl gerade erst frisch gestochen, war da aber schon ganz anderer Meinung: “Wenn sich jemand unangemeldet und in verdächtiger Weise unserem Hause nähern würde, wären wir auch misstrauisch und versuchen die Beweggründe des Besuchers zu ergründen. Fuchtelte ein Fremder dann vor uns mit den Armen herum, verursachte so ein Verhalten auch bei uns sicherlich eine spontane Abwehrreaktion. Ggf. würden auch wir nach dem erstbesten Gegenstand greifen, der uns in die Hände fiele, um zur Abwehr bereit zu sein.”

Dennoch rief ich die Feuerwehr an und fragte, ob die vielleicht wüssten, wer für die Wespen und deren sachgerechte Umsiedlung in ein anderes Gebiet, möglichst weit weg von uns, zuständig sei.
Ich wurde an einen Schädlingsbekämpfer, Kammerjäger udgl. verwiesen oder ich solle mich mit einer örtlichen Naturschutzeinrichtung oder einem Naturfreundeverein in Verbindung setzen, die wüssten in der Regel Rat.

Gesagt getan. Nach kurzer Recherche fand ich den “Hornissenbeauftragten” der Naturschutzbehörde unserer Region.
Dieser war sehr freundlich und entgegenkommend, kam sogar bei uns vorbei, sah sich das Malheur an und riet zur Ruhe. Gelassen stellte er sich mit langsamen Bewegungen sogar direkt unter das noch junge Wespennest.
Einige Wespen schwirrten um ihn herum, erkundeten ihn und taten ihm nichts.
Wespen seien von Grund auf nicht angriffslustig, sie hätten viel zu viel mit Nestbau und Brutaufzucht zu tun, als sich in verlustreiche Angriffen zu verzetteln und ihr Volk leichtfertig zu schwächen. Nur wenn sie sich angegriffen bzw. ihr Nest bedroht fühlen, würden sie ihre Großfamilie, die Wespenküken” und die Chef-Königin verteidigen.
So ein soziales Verhalten wäre ja sogar als menschlich zu bezeichnen.

Mein Mann und der “Hornissenflüsterer” verabredeten einmütig, dass die Wespen bei uns leben, ihr Haus bauen und wohnen dürften.
Das war Anfang Juni.

Inzwischen ist das Wespenhaus verlassen und leer. Irgendwie schade.
Alle Wespen sind offenbar verstorben oder fliegen bis zu ihrem nahen Insektenende als heimtlose Solisten auf der Suche nach Nahrung durch die Gegend. Einige unserer Flugkünstler lagen tot im nahen Umkreis von 1 bis 1,5 Meter um das Nest herum unten auf der Erde. Ich fand das in gewisser Weise schade.
Aus der Bauweise des Nestes konnte der “Hornissenbeauftragte” bestimmen, dass es sich um die sächsiche Wespe gehandelt hat, die sehr früh – Anfang bis Mitte August – ablebt und zu ihren Lebzeiten zu den wenig angriffslustigen Wespenarten zählt.

Was er uns vorhersagte und was zu unserer Überraschung auch noch zu 100%gestimmt hat ist: Wir haben kaum Raupen und andere Schädlinge in unseren Bäumen und Büschen, bis heute ist nicht eine einzige Mücke bei uns aufgetaucht. Nicht eine einzige! Das war in früheren Jahren vollkommen anders. Speziell die Blutsauger machten uns den allabendlichen Aufenthalt auf der Terrasse oft sehr, sehr unbehaglich.

Heute sind wir den Wespen regelrecht dankbar und …..
…. wir würden es begrüßen, wenn wir im kommenden Jahr erneut so eine angenehme Partnerschaft mit einer sächsichen Wespengroßfamilie eingehen könnten.

Mein Mann wird den Wespenfachmann fragen, was wir machen können, um eine sächsiche Wespenkönigin zu animieren bei uns zu leben und ihr Volk anzusiedeln. Wir stehen auch bereit, einer sächsischen Wespenfamilie, die zwangsumgesiedelt werden muss, bei uns Asyl, Kost, Logis anzubieten und partnerschaftliches Zusammenleben zu gewähren.
Wir legen ihnen sogar einen kleinen Komposthaufen mit Obst und Gemüseresten an, spendieren hin und wieder auch mal ein paar Löffel Gehacktes, das als Futter offenbar gern angenommen wird und sorgen für unbehandeltes, verwitterndes Holz zum Nestbau.
Die Wespenschar hält uns dann dafür “per Handschlag besiegelt” Raupen, Fliegen, Mücken und anderen Plagegeister von Hals und Teller.

Wir danken unserer diesjährigen 200- bis 400-köpfigen Wespenfamilie aufrichtig für Ihre Mithilfe, unser Leben in 2015 angenehmer gestaltet zu haben und freuen uns auf ein Wiedersehen mit der verbliebenen Königin, die hoffentlich in einem unserer Kaminholzstapel überwintert und in 2016 bei uns ein neues Nest baut.

Wir sind dabei mit allen Kräften gern behilflich. Inzwischen kennen wir uns aus und wir wissen in der Zukunft den leider nur wenige Monate lebenden Wespen freundlich zu begegnen und mit ihnen in einer ausgesprochen positiven Win-Win-Gemeinschaft partnerschaftlich umzugehen.

Unseren unmittelbaren Nachbarn, mit Kind und Kegel hatten wir rechtzeitig Infos über unsere räumlich doch sehr nah zu uns allen wohnenden, keineswegs bedingungslos geliebten, überall umherschwirrenden Untermietern gegeben. Niemand hatte Amgst, niemand wurde ungewöhnlich belästigt und niemand wurde gestochen.
Mein Mann musste als ihr einziges Opfer natürlich wieder einmal aus der Reihe tanzen. Gut; er wollte sowieso immer der erste sein. Diesmal hat es ja funktioniert. Er blieb das einzige Opfer und seine leicht klagenden Vorträge verhallten bald, denn keiner hörte ihm und seinem heldenhaften Kampf gegen fliegende Ungeheuer wirklich interessiert zu.
Heute ist er ihr größter Beschützer, verteidigt ihr Wespenwesen und scheint förmlich einen Narren an ihnen gefressen zu haben.
Manchmal muss Liebe erst wehtun.
Seit der weiß, dass Hornissen nicht schlimmer stechen als Wespen, dazu auch weniger angrifflustig sind, hat er nicht einmal vor denen Angst.
So weit bin ich noch nicht.

Oberes Foto: Intaktes Wespennest der sächsischen Wespe

Foto Mitte links: Deutlich erkennbare “Erdbeerform” des Kunstwerks sächsisches Wespennest
Foto Mitte rechts: Mitte August 2015 sind die sächsischen Wespen quasi über Nacht verstorben
Foto unten: Etwa 14 Tagen nachdem das Wespennest nicht mehr bewohnt wird, sieht das papierene Kunstwerk “Wespennest” leider schon so “zerfleddert” aus.

4 KommentareSchreiben Sie Ihre Meinung

  • Ihr habt ja nette Beschützer. Könnt ihr mir eine der neuen Königinnen zukommen lassen? Die Wespen bei mit auf dem Hof sind anders. Ganz anders. Frech, anmaßenden, besitzergreifend, angriffslustig. Ein Zusammenleben mit ihnen ist nicht zu machen.

  • Wir hatten auch ein sächsisches Wespenvolk in unserem Gartenhaus. Richtig ist, dass sie nicht angriffslustig sind und richtig ist auch, dass sie sogenanntes Ungeziefer oder Schädlinge beseitigen. Ich deiner Meinung.  Ein sächsisches Wespenvolk auf dem Grundstück ist eine Hilfe und keine Belästigung. Wir müssen uns aber gegenseitig Lebensraum geben. Dann klappts auch mit der Wespe.

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