Haus-Heim-Hof

Aus Omas Besteckschublade

Vor 3 Wochen habe ich mir einen uralten Küchenschrank vorgenommen und damit begonnen seinen Inhalt auf Tauglichkeit zu überprüfen.
Teller, Tassen und Bestecke zuhauf, Tischdecken, Gläser, Vasen, Untersetzer und so vieles mehr.
Gitti
Darunter auch vier vollständige, schwere und grauslich unhandliche Silberbesteckgarnituren aus den Neunzehnhundertsechzigern. Richtig dolle dunkel angelaufen. Sie konnte ich inzwischen schenkungsweise an die Frau(en) bringen. Es bedurfte doch tatsächlich nicht geringer Überredungskunst und war auch nicht wirklich einfach. Heutzutage wird silbernes Essbesteck für 12 Personen eher als Last, denn als Besonderheit und wertbeständiger Familienschatz angesehen.
Da wir es nicht zum Einschmelzen oder in den Ramschverkauf gegeben, aber dennoch verschenkt haben, müssen wir uns wohl oder übel ebenfalls zu diesen Menschen zählen.

Das hauchdünne und mit japanischen Mustern bemalte Geschirr aus den 1980igern und 1990igern wollte einfach niemand haben. Obwohl alle Service vollständig für 12 Personen ausgelegt waren und allein 1 Set dicke für 2 Familien ausgereicht hätte.
Aber der Geschmack hat sich doch deutlich gewandelt, große Familientreffen werden kaum noch zu Hause abgehalten und – ganz ehrlich – eine Augenweide, z.B. grazile Kaffeetassen aus den frühen Jahren der BRD, war nicht darunter.
Schade eigentlich.
Also weg damit.
Wir können schließlich nicht alles für irgendeine uns nicht bekannte und womöglich gar nicht genehme Nachwelt horten, in der sowieso niemand an uns denkt.

Aber 2 kleine Dingerchen sind aufgetaucht, an deren Gebrauch ich mich noch wirklich gut erinnere.

2 Dosenmilchöffner mit dem Aufdruck von Libby’s-Milch.
Solche und ähnliche Dosenöffner hatte früher wirklich jeder Haushalt in seinen Schubladen, denn die Kondensmilch gab’s ja zeitweise nur in kleinen Dosen aus Metall. Ich kann mich an drei unterschiedliche Haushaltsgrößen erinnern.
Auf der Rückseite befindet sich ein Metalldorn, den man an 2 gegenüberliegenden Stellen des Milchdosendeckels durch das dünne Metall drückte. Aus einem Loch kam dann die Milch, genau soviel wie man haben wollte. Das gegenüberliegende diente zum Druckausgleich und sorgte dafür, dass man nicht auf den Dosendeckel drücken musste, wodurch die Milch regelmäßig aus der Dose herausschoss – über die Kaffeetasse hinweg, auf die Tischdecke oder gar die Kleidung.
Lang ist es her.
Und so seh’n die beiden kleinen Erinnerungsstücke aus.

Die vorbereitete Milchportion im Kunststoffbecher war noch nicht bekannt, vielleicht auch noch gar nicht erfunden und Kunststoffe waren zu jener Zeit sowieso im häuslichen Alltag noch weitgehend unbekannt und im Haushalt eigentlich auch nicht zu finden.
Was waren die ersten Frischhaltedosen für ein Erlebnis und ein Thema bei beinahe jedem Kaffeetratsch.
So sind auch diese Dosenöffner aus einer lange zurückliegenden, anderen Zeit.
Für mich eine kleine, verschüttet geglaubte Erinnerung an meine Jugendjahre und meine “gute, alte Zeit”.
Ich heb’ sie noch etwas auf, ehe ich auch sie verschenken werde.
Ich hab’ mal im Netz herumgesucht und habe herausgefunden, dass sie aus den 30iger bis 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts, vor der Gründung der BRD, stammen könnten.
Mal seh’n wie schwer es sein wird, diese alten Milchdosenöffner an die Frau(en) zu bekommen. Sie haben ja heutzutage nicht mehr den geringsten Nutzwert. Und als Schlüsselanhänger sind sie eigentlich zu schade. Denke ich.
Irgendwie scheue ich mich davor, diese kleinen, fast wertlosen und eher unwichtigen Erinnerungsstücke zu einem solch banalen Zweck herzugeben.
Hab’ ich nicht recht?

5 KommentareSchreiben Sie Ihre Meinung

  • Ich bin gerade auf Besuch in Grafenwöhr, wir lasen gestern diesen inspirierenden Beitrag und hatten sofort, auf Knopfdruck, Erinnerungen an frühere Zeiten.
    Ich erinnere mich an ein sehr frühes Kunststoffteile in unserem Haushalt:
    Das Schaumgummiröllchen, welches vorn an der Ausgusstülle einer Kaffeekanne angebracht wurde. Es sollte verhindern, dass der letzte Tropfen herunter auf die Decke tropfte.

    Anfangs gab es dies zusammen mit einem sehr dünnen, texilumwickelten Gummibändchen. Dieses war durch die Schaumstofftülle geführt, wurde 2x gekreuzt, über den Deckel der porzellanen Kaffeekanne zum Kannengriff geführt. Dort führte man es 1x um den Griff herum und mittels eines kleinen metallenen Hakens am Ende des Gummis wurde es dann am Gummibändchen selbst einfach eingehakt und festgehalten.
    Das Gummiband war aber vorher immer noch durch eine Plastikfigur geführt, die hin und her geschoben werden konnte, um sie in den meisten Fällen mitten auf dem Deckel der Kaffeekanne oder schwebend zwischen Deckel und Tülle zu platzieren.

    Dabei handelte es sich überwiegend um Schmetterlingsfiguren oder Feengestalten, die die Kaffeekanne verschönern sollten. Diese Figuren waren aus Plastik, so nannten wir den Werkstoff. Der Begriff Kunststoff war, wenn ich mich recht erinnere, noch gar nicht weit verbreitet.

    Es soll später auch einfache Schaumstoffröllchen, die zu Ringen geformt ohne Gummiband und verniedlichenden Zierrat einfach über den oberen Teil des Kaffeekannenausgusses, dicht an der Öffnung, gezogen wurden. Ich fand jedoch schon seinerzeit, dass da die Romantik der Kaffeerunde etwas verloren ging, zu der stets mit den ebenfalls in Vergessenheit geratenen, verlockenden Worten eingeladen wurde: „Es gibt auch Bohnenkaffee!“ oder „Ich habe extra Bohnenkaffee gekauft.“

    Das war die Zeit, als der Behälter für den papiernen Kaffeefilter noch aus Steingut bestand, weiß wie Porzellan war und darauf farbig der Schriftzug des Kaffeeherstellers gedruckt stand.
    In den vielen Haushalten wurde der Kaffee noch per Hand gemahlen. Die elektrische Kaffeemühle für den privaten Haushalt war noch weitgehend unbekannt und der Pulverkaffee eines amerikanischen Herstellers war teuer und exotisch.

    Ich freue mich ebenfalls über Ihre Veröffentlichung des Milchdosenöffners. Ohne diesen Bericht wäre mir der Tropfenfänger an der Kaffeekanne meiner Tanten und ihre sonntäglichen, gemütlichen Kaffeerunden sicherlich nicht mehr eingefallen.

    Zurückschauend war es ein gesellschaftlich enges, eher spießiges, aber mir scheint trotzdem auch gemütliches Leben.

    • Exakt dieses Accessoire genormter deutscher Gemütlichkeit aus der Zeit des Wirtschaftswunders habe auch ich dauernd vor Augen, wenn ich an die gute alte Zeit denke.

  • Eine gute Idee, uns Fundstücke aus dem Alltag früherer Jahrzehnte zu zeigen und ihre Handhabung und Bedeutung zu beschreiben. Gut gemacht.

  • Toll, wenn durch so kleine Fundstückchen Erinnerungen an den Alltag vor 50 Jahren wachgerufen werden. Wer denkt heute schon noch über derartiges nach wie Dosenmilch und deren Öffner.

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